Wontorra: „Nichts ohne uns über uns!“ / Behindertenbeauftragte fordert mehr Teilhabeforschung und Inklusion in der Wissenschaft

„Wenn Projekte für Menschen mit Behinderungen gemacht werden, müssen Forscherinnen und Forscher mit und ohne Behinderungen gemeinsam wissenschaftlich arbeiten“, sagt Petra Wontorra, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen in Niedersachsen: „Dies ist im Sinne der Inklusion und der UN-Behindertenrechtskonvention.“ Petra Wontorra meldete sich anlässlich des Sommersymposiums „Teilhabeforschung – Aktuelle Entwicklungen in Deutschland“ in Hannover zu Wort. Veranstalter des Symposiums waren der Verein zur Förderung der Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover e.V. Unterstützer sind die Deutsche Rentenversicherung Braunschweig-Hannover, die Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover, die Koordinierungsstelle Angewandte Rehabilitationsforschung, das Aktionsbündnis Teilhabeforschung sowie die Deutsche Vereinigung für Rehabilitation.

„Wie kann man messen, ob die Maßnahmen geeignet sind und zu mehr Teilhabe im täglichen Leben führen?“, fragte Wontorra und erläuterte: „Um überhaupt evaluieren zu können, ob Maßnahmen und Projekte erfolgreich zu mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderungen führen, müssen bereits zu Beginn ausreichend Daten vorliegen. Es muss messbar sein, dass die Teilhabe ausreichend gegeben ist. Es geht um mehr als um reine Statistiken, beispielsweise dass Menschen mit Behinderungen länger arbeitslos sind als andere. Es geht sowohl um quantitative als auch um qualitative Forschung. Was zeichnet eine gelungene Teilhabe und Inklusion aus der Sicht von Menschen mit Behinderung aus? Wir brauchen mehr Daten über die Verwirklichung von Selbstbestimmung, Teilhabe und Partizipation von Menschen mit Behinderungen“.

Wichtig sind für Petra Wontorra neben der schulischen und beruflichen Teilhabe auch die soziale, die politische und die kulturelle Teilhabe. Sie fragt: „Haben Menschen mit Behinderungen die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten? Wenn die Ausgangslage, also der Ist-Zustand, bekannt ist, kann mit Begleitforschung die Evaluation von Veränderungs- und Optimierungsprozessen erfolgen.“ Wontorra führt weiter aus: „Für den Aktionsplan Inklusion aus Niedersachsen würde das bedeuten: Wie war die Situation, bevor eine Maßnahme umgesetzt wurde? Wie ist die Situation mit der eingeführten Maßnahme? Wurde das Ziel, die verbesserte Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft, erreicht?“

Der Beauftragten sei es wichtig, Teilhabeforschung nicht nur auf Bundesebene wie im Nationalen Aktionsplan 2.0 der Bundesregierung, sondern auch für Niedersachsen zu etablieren. „Deswegen plädiere ich dafür, Teilhabeforschung als Maßnahme für diverse Ressorts auf Landesebene für den nächsten Aktionsplan Inklusion 2019/2020 vorzusehen; dafür setze ich mich ein“, betonte Wontorra. Sie ergänzt: „Wir müssen die Einbindung der Expertinnen und Experten in eigener Sache mit ihrem Erfahrungswissen in die Forschung verankern.“ Forschung sei ein wichtiger Arbeitsbereich für Akademikerinnen und Akademiker mit und ohne Behinderungen und deswegen plädiere sie auch für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

„Weiter müssen Ressourcen für die Herstellung von Barrierefreiheit wie Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher, Fahrdienste etc. und die Expertise von Menschen mit Behinderungen in der Forschung angemessen zur Verfügung gestellt werden“, forderte Wontorra ein. „Wie die Potentiale von Menschen mit Behinderungen sind auch besondere Belange zu beachten, wie individuelle, an die Lebenssituation abgestimmte Arbeitsbedingungen und ausreichend Zeit für Forschungsprozesse. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderungen auf Augenhöhe ist wesentlich für partizipative Forschungsprozesse. Ich bin überzeugt, dass der Austausch von Wissen und Erfahrungen zu neuen Erkenntnissen führt“, betonte Wontorra.

„Inklusion in der Teilhabeforschung ist, wenn Expertinnen und Experten mit und ohne Behinderungen gleichberechtigt gemeinsam forschen und initiativ sind“, bekräftigte Wontorra: „Das bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen möglichst im gesamten Prozess ab der Bestimmung des Forschungsbedarfs, bei der Definition von Forschungsfragen, über die Projektplanung und Durchführung bis zur Publikation und Umsetzung aktiv sind.“ „Wichtig ist auch“, so Wontorra, „eine enge Verzahnung von Wissenschaft, Praxis und der Politik, so dass Forschungsergebnisse Eingang in politische Entscheidungsprozesse finden und nachhaltig in der Praxis etabliert werden können.“ Quelle BPP

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